Grundsätzlich
unterscheidet man zwischen Multirollen zum
Meeresangeln (mit denen der Köder nur ins Wasser
hinabgelassen wird) und sog. Baitcasterrollen
(mit denen der Köder geworfen wird).
Unterschiede
zwischen den beiden Rollentypen bestehen vor allem im Bereich der
Bremssysteme, der Grösse, und somit auch der Schnurfassung.
Vorab erstmal ein paar Bilder von Baitcasterrollen mit anschliessender
Erläuterung der wichtigsten Bauteile:

1 = Freigabetaste
2 = Kurbel
3 = Sternbremse
4 = Schnurführung
5 = Spule
6 = Spulenbremse

Die
messingfarbene Rolle ist eine Shimano
Calcutta 101 B, die bronzefarbene
Rolle ist eine ABU Cardinal Pro Max. Der erste Unterschied
fällt
sofort ins Auge: Die ABU wirkt kleiner als die Shimano. Bei der Bauart
der ABU redet man von einer "Low-Profile-Rolle". Unterschiede gibt es
zwischen diesen beiden Bauformen in der Gehäusegrösse
und im
Gewicht, von der Funktion und Bedienung sind beide Rollentypen
identisch.
Zu 1 = Freigabetaste: Mit
dieser Taste wird die Spule entriegelt, so dass man auswerfen
kann.
Zu 2 = Kurbel: allgemein bekannt, damit wird die Schnur wieder
eingeholt.
Zu 3 = Sternbremse: Übernimmt die Funktion der Kopf- oder
Heckbremse einer Stationärrolle.
Zu 4 = Schnurführung: Sorgt durch eine links-rechts-Bewegung
beim Kurbeln für eine ordentliche Schnurverlegung
Zu 5 = Spule: Schnurbehälter
Zu 6 = Spulenbremse: Drückt seitlich gegen die Spule um ein
Überlaufen der Spule beim Auswurf zu verhindern.
Der
grosse Unterschied zu den uns allen bekannten Stationärrollen
besteht darin, dass die Achse der Spule nicht längs
zur Rute
ausgerichtet ist, sondern quer. Die Spule rotiert beim Auswurf, was bei
einer Stationärrolle
nicht der Fall ist (wie der Name schon sagt). Diese Rotation der Spule
zieht Folgendes nach sich: Der Köder muss ein gewisses
Eigengewicht haben um die Spule in Rotation zu versetzen und die Spule
muss gebremst werden, wenn der Köder auf das Wasser auftrifft.
Ansonsten läuft die Spule einfach weiter, was unweigerlich
eine
"Perücke" zur Folge hat. Das minimale Wurfgewicht bei einer
Multirolle ist bei ca. 7-10 Gramm anzusiedeln, alles Andere bleibt
vernünftigerweise eine Domäne der Stationärrolle.
Um
diesem "Überlaufen" der Spule entgegenzuwirken, wurden ein
paar
Bremssysteme entwickelt, die dem Angler das Leben wirklich einfacher
machen:
1.
die Magnetbremse
2. die Fliehkraftbremse
3. die Spulenbremse
Die
Spulenbremse ist an jeder Multirolle zu finden, bei der Fliehkraft-
bzw. Magnetbremse scheiden sich die Geister.
Vorab
etwas zu den Bremssystemen:
Die Spulenbremse drückt einfach nur seitlich gegen die Spule
und
schränkt dadurch etwas deren Leichtgängigkeit ein.
Sie ist
stufenlos verstellbar und sollte gerade von Anfängern
folgendermassen eingestellt werden:
Einen Köder einhängen und die Rute waagerecht halten. Die
Freigabetaste drücken, dadurch wird der Köder
absinken und
Schnur von der Spule ziehen. Beim Auftreffen auf das Wasser oder den
Boden sollte die Spule sofort aufhören zu rotieren. Ist die
Bremse
zu stramm eingestellt, wird das Gewicht des Köders keine
Schnur
von der Spule ziehen, ist die Bremse zu weich eingestellt, wird die
Spule nach der Boden- / Wasserberührung des Köders
weiterlaufen und unbedingt zu vermeidende Schlaufen auf der Spule
bilden. Dieses zu justieren ist nicht schwer und wird mit steigender
Erfahrung auch nicht bei jedem Köderwechsel mehr
nötig sein.
Aber auch dazu später mehr...
Die
Magnetbremse besteht aus drei bis fünf Magneten, die
über ein Rädchen im Gehäuse verstellbar
sind.


Durch
das Rädchen wird der Abstand der Magneten zur Spule verstellt,
je
näher die Magneten an der Spule sind, desto höher ist
die
Bremskraft und umgekehrt.
Das
Gegenstück dazu ist die Fliehkraftbremse, hier sind es sechs
Plastikstopper, die einzeln verstellbar sind, die beim Auswurf mit der
Spule rotieren und durch die Fliehkraft nach aussen gegen das
Gehäuse gedrückt werden. Dabei schleifen sie am
Gehäuserand und bremsen dadurch ebenfalls die
Rotation.

Hier
noch ein Bild der demontierten Shimano, auf dem die Stifte der
Fliehkraftbremse (grün) gut zu erkennen sind:

Für
welches Bremssystem man sich letztendlich entscheidet ist
Geschmackssache. Erfahrungsgemäss haben sich mittlerweile die
Magnetbremsen etwas mehr durchgesetzt. Diese haben ausserdem den
Vorteil, dass sie berührungslos und somit praktisch
verschleissfrei arbeiten.
Die
Einstellung dieser Bremssysteme ist abhängig vom
Ködergewicht, (je leichter desto höher die
Bremsleistung),
den äusseren Umständen (bei Gegenwind höhere
Bremsleistung) und nicht zuletzt auch von der Erfahrung des
Anglers.
Die
wichtigsten Bremse überhaupt: Dem eigenen Daumen!!
Bei
jedem Wurf ist es nötig, die Spule beim Auftreffen des
Köders
auf dem Wasser mit dem Daumen abzubremsen. Fliehkraft- Magnet- und
Spulenbremsen unterstützen uns nur beim Auswurf, der Daumen
spielt
aber die entscheidende Rolle. Hört sich für den
ersten Moment
vielleicht etwas umständlich an, aber das wird mit der Zeit
und
ein wenig Übung genauso selbstverständlich wie das
Schalten
beim Autofahren. Und es bietet einen weiteren Vorteil: Sollte sich beim
Werfen eine Schlaufe oder Perücke bilden, wird man das am
Daumen
spüren und kann den Wurf sofort unterbrechen und Schlimmeres
verhindern.
Ebenso
kann man mit dem Daumen beim Drill die Sternbremse
unterstützen,
falls diese etwas zu locker eingestellt sein sollte.
Nun zum Ablauf des Wurfes, was in textform natürlich sehr
theoretisch ist:
1.
Freilauftaste drücken, dabei gleichzeitig die Spule mit dem
Daumen blockieren
2. Die Rute nach hinten führen
(Gerade Anfänger tun sich mit
einem seitlichen Wurf leichter als mit einem Überkopfwurf)
3. Rute gleichmässig nach vorne beschleunigen (Ruckartige
Würfe mögen Multirollen gar nicht), dabei mit dem
Daumen die
Spule freigeben
4. Flugbahn des Köders beobachten und die Spule kurz vor dem
Auftreffen auf der Wasseroberfläche mit dem Daumen
abbremsen.
Hört
sich wohl kompliziert an, das gebe ich zu, aber das alles ist nur eine
Frage der Übung und wird mit etwas Erfahrung zu einer
Selbstverständlichkeit. Hier gilt vor allem Eines: Nur nicht
bange
machen lassen!!
Nun
mag man sich fragen, warum sollte man sich das antun, wenn es
doch Stationärrollen gibt?!?
Die
Antwort ist einfach: Die Belastungen beim Jerkbaitfischen oder
Spinnfischen mit schweren Ködern werden eine Stationärrolle
recht schnell ruinieren. Harte Schläge gegen einen relativ
schweren Köder, nur abgefedert durch die Rutenaktion, verkraftet
die quer verbaute Achse einer Multirolle einfach besser. Desweiteren
ist die Flugbahn eines "multi"-geworfenen Köders viel direkter
und
gerader, man hat nach dem Wurf nicht so einen grossen Schnurbogen in
der Luft / auf dem Wasser. "Multi"-geworfene Köder
können bei
gleicher Wurfdistanz sogar "stationär"- geworfene
Köder
überholen!
Ein
weiterer Vorteil ist die Präzision, mit der man mit ein
bisschen
Übung werfen und den Köder plazieren kann. Davon kann
ich in
einem Textbeitrag natürlich niemanden überzeugen,
aber es ist
wirklich so.
Nicht zu vergessen ist auch die Tatsache, dass die Montage durch das
Abbremsen mit dem Daumen immer gestreckt auf dem Wasser aufkommt, was
verhindert, dass sich die Drillinge des (Kunst-)köders bereits
beim Auswurf im Vorfach verheddern.
Der
Einsatz von Multirollen stellt allerdings auch ein paar Anforderungen
an die Rute:
- Sie sollte eine möglichst parabolische Aktion haben
- Die Ringe müssen enger gesetzt sein als bei einer Rute für
die Stationärrolle und haben einen etwas kleineren
Durchmesser
- Ein sog. Triggergriff (zu erkennen auf dem dritten Bild) erleichtert
das Handling der Rolle, da sie im Gegensatz zur Stationärrolle stehend montiert
wird.
Nun noch ein kleines
Paradoxon zum Abschluss:
Solltet
Ihr Rechtshänder sein, müsst Ihr bei einer Multirolle
ein Linkshandmodell wählen! Klingt zwar komisch, ist aber
so...
Die
Ursache dafür ist schnell erklärt: Multirollen werden
in
der Regel für den Amerikanischen und den Asiatischen Markt
gefertigt. In diesen Ländern ist es üblich, die Rute
mit der
linken Hand zu halten und mit rechts zu kurbeln. Bei uns in
Mitteleuropa hat sich da der Standard durchgesetzt, die Rute mit rechts
zu führen und mit links die Rolle zu bedienen. Daher das
Linkshandmodell. Dass dieses Sinn macht, sieht man daran, dass in 95 %
aller amerikanischen / asiatischen Angelvideos die Rute mit rechts
ausgeworfen wird und zum führen dann in die linke Hand
gewechselt
wird. Ein völlig überflüssiger Handgriff,
aber gut,
jeder so wie er mag...